Exerzitien at Home – ein Selbstversuch

Exerzitien at Home – ein Selbstversuch

Felix´s Impulse 86/ 2021

Nicht nur Home-Schooling und Home-Kindergarten, sondern auch Home-Exerzitien. Geht nicht? Geht doch! Mein Selbstversuch zeigt das allerdings ein paar Fallstricken, ähnlich den anderen Home-Aktivitäten, zu akzeptieren sind. Auszüge aus meinem Exerzitien-Tagebuch liefern in den nächsten Wochen Einblicke in meine Tage des Schweigens und völliger Ruhe.

Das Beherbergungsverbot gilt in Bayern scheinbar auch für Klöster. Der geplante 10-tägige Aufenthalt über Silvester wurde coronabedingt durch den bajuwarischen Fürsten untersagt. Exerzitien stellen leider keinen kirchenrechtlichen Sonderstatus dar. Den gibt es in der katholischen Kirche wahrscheinlich nur bei internen Angelegenheit, wie derzeit in Köln bei Kardinal Woelki.

„Die klassische Form der Exerzitien geht auf den Gründer des Jesuitenordens, den heiligen Ignatius von Loyola (1491 – 1556), zurück. Er gibt in seinem Exerzitienbuch Anregungen für den Leiter solcher Besinnungstage. Darin enthalten sind Übungen, die der einzelne unter der Leitung des „Exerzitienmeisters“ durchführt. […] Sie vollziehen sich schweigend in einsamer Abgeschlossenheit von etwa vier Wochen in täglich vier oder fünf Meditationsstunden.“1

Auszug aus dem Exerzitien-Tagebuch – Anmerkung
Die Inhalte im Exerzitien Tagebuch sind thematisch nicht geordnet, eher willkürliche, da sie „lediglich“ die Niederschrift meiner jeweiligen Gedanken waren. Für die Lesefreundlichkeit habe ich sie aus dem zeitlichen Kontext gerissen und in einen thematischen überführt. So ist hoffentlich ein sachlogischer Zusammenhang entstanden.

Zeitlos anders

„Bereits heute Morgen nach dem Joggen verspürte ich eine Langsamkeit, eine Konzentration auf eine Sache, so etwas wie Achtsamkeit und Fokussierung. Das Reinigen der Dusche, das Zubereiten des Frühstücks. Es war Zeit ohne Ende vorhanden. Alles nacheinander zu erledigen, eine ganz neue Erfahrung, durchaus angenehm.

Für „Exerzitien á la Felix“ benötige ich die Bereitschaft mich auf Ruhe, Schweigen und Einsamkeit sowie die Verabschiedung von sämtlichen Medien auf Zeit einzulassen. Alles kann, nichts muss. Mit Lockerheit, ohne jeden Zwang. In einer reizüberfluteten Gesellschaft bieten Exerzitien eine wunderbare Möglichkeit neue Erfahrungen zu machen und den Kopf mal wirklich frei zu bekommen. Plötzlich können die Gedanken völlig frei, ohne Störungen kreisen.

Durch den veränderten Lebensrhythmus mit der Ruhe, ohne Medienberieselung und mehr Achtsamkeit für Körper, Geist und Seele kann es zu körperlichen Symptomen kommen. Schmerzen oder Zwicken hier und da können auftreten. Vielleicht wie bei mir ohne Alkohol zum Abendessen und der Zigarre danach sowie einer überwiegend basischen Ernährung, kann sich der Körper schon mal melden.

Hinzu kommt noch mehr Sport. Bei mir die Nachmittags-Gymnastik. All das kann ursächlich für Schmerz sein. Mein Körper schreit förmlich, besser gesagt mein Kopf, der Schmerz ist heftig. Seit heute Nachmittag, Spätnachmittag werde ich gequält und auf eine Belastungsprobe gestellt.

Mittlerweile muss ich mich täglich in meinem Tagebuch vergewissern welchen Tag wir haben. Die Wochentage verlieren ihre Bedeutung, ein Tag gleicht dem anderen. Pflichten, Aufgaben und Termine sowie Kontakte, die üblicherweise einen Tag prägen, sind entfallen. Ich habe mich diesen gesellschaftlichen Sachzwängen entzogen.

Die tägliche Informations- und Nachrichtenflut, als auch die sozialen Medien vermisse ich nicht. Mir fehlen keine Nachrichten aus Deutschland und der Welt. Was mir fehlt ist der Kontakt zu meinem 87 jährigen Vater und den ich mir Sorgen mache. Dauerhaft möchte ich die Gespräche mit Freunden und Bekannten in Deutschland und auf Mallorca nicht missen. Auch eine Arbeit würde ich dauerhaft ausüben wollen. Eine sinnstiftende, eine befriedigende. Ich meine nicht den plumpen Zeitvertreib mit Dauerberieselung durch Facebook & Co oder Videospiele, um den Tag gefüllt zu bekommen. Sicherlich kann das gegen Langeweile helfen. Ist dafür die Zeit nicht zu schade?

Einsamkeit

Meine freiwillige Einsamkeit durch die bewusste Isolation hat etwas Reinigendes. Es ist ein zurückführen auf ein Minimum, vielleicht auf das Wesentliche. Schlafen, Essen und Trinken. Befriedigung der Grundbedürfnisse. Exerzitien dieser Art, ohne Handy, Internet, TV, Radio, Zeitungen sowie ohne Facebook und Co machen deutlich wie viel Platz sie in unserem Leben eingenommen haben. Manche Zeitgenossen können ohne diese digitalen Medien schon nicht mehr leben. Wie traurig.

Statt mit dem Partner geht man mit dem Smartphone ins Bett. Statt mit dem Partner zu frühstücken, schreit das Smartphone nach Zuwendung. Statt Sport mit Freunden, macht man Sport mit der App, die Schritte und Kalorienverbrauch zählt. Statt im Café oder an der Bar verbal zu kommunizieren wird WhatsApp genutzt. Ist auch viel einfacher mit Zeichen zu kommunizieren als mit Worten. Da müßte man seinem Gegenüber auch noch in die Augen schauen, wo man Gefühle unde Emotionen wahrnehmen könnte. Besser ein kommunikativer Eunuche, als in die Tiefen der menschlichen Seele über Mensch-zu-Mensch Kommunikation einzusteigen.

Mit WhatsApp und Co lässt sich bekanntlich alles sagen. Das hat bereits der abgewählte amerikanische Präsident erkannt. Mit nur 160 Zeichen lässt sich via Twitter Weltpolitik machen. So einfach geht das, viel braucht es nicht dafür.

Die Freiwillige geplante Einsamkeit ist nicht zu vergleichen mit der empfundenen Einsamkeit von Menschen während der Corona Krise. Die sozialen Zwangstrennungen erleben Kranke, Alte und Hilfsbedürftige mit Sicherheit intensiver und belastender. Sie wurden und werden nach wie vor eingesperrt, sozial isoliert und sterben an gebrochenen Herzen. Ihnen fehlen die Kontakte zu den Mitmenschen, die Wärme und die Nähe. Coronabedingte Kollateralschäden spielen, wie in der Kriegsführung, keine Rolle – sie gehören einfach dazu.

Sie werden negiert und natürlich auch nicht beziffert. Häusliche Gewalt, Depressionen, ausgebliebene OPs, Krebsbehandlungen, Kreislauferkrankungen, Bildungsproblemen bei Kindern, soziale Verarmung durch fehlende Kontakte bei Alt und Jung, Diebstahl der Jugend und vieles mehr.

Im zweiten Teil, nächste Woche, geht es um die Tücken der Meditation und extrem lange Tage und den Umgang damit. Im dritten und letzten Teil, am 28. Februar 2021, erzähle ich euch vom Unterschied zwischen Exerzitien im Kloster und Home-Exerzitien sowie über Glaubenssätze und neue-alte Orientierung.

Wundervolle Impulse für die nächste Woche.

Bleibe inspiriert.

Holger

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1 Quelle: https://www.kirche-und-leben.de/artikel/was-sind-exerzitien

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