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Mobilität als Karriere-Booster oder Rohrkrepierer

Mobilität als Karriere-Booster oder Rohrkrepierer

Wochen-Impulse 38/19

In unserer sich scheinbar immer schneller drehenden Welt gibt es im Alltag viele Aspekte, die auf ein mobiles Leben hindeuten. Das Zukunftsinstitut spricht daher bei Mobilität auch vom Mega-Trend im 21. Jahrhundert.2

“Was verstehen Sie unter Mobilität habe ich meine Teilnehmer eines Karriere-Coachings gefragt.” Manchmal sind es die einfachen Fragen, die zum Nachdenken führen, weil sie so trivial erscheinen und dann im Laufe der Diskussion vielschichtige Antworten liefern.

Für die Meisten bedeutet Mobilität auch Flexibilität und von A nach B kommen zu können. Beides gehört irgendwie zusammen; räumliche Beweglichkeit mit möglichst hoher Flexibilität. Ist mobil sein nicht noch viel mehr? Wir haben erarbeitet, dass es die folgenden Arten gibt, die eng miteinander verwoben sind.

  • Soziale Mobilität
  • Geistige Mobilität
  • Körperliche Mobilität
  • Räumliche Mobilität

Der guten alten Duden erklärt den Begriff mit “Beweglichkeit (in Bezug auf den Beruf, die soziale Stellung, den Wohnsitz)” und nennt als Synonyme “geistige Beweglichkeit, Anpassungsfähigkeit und umgangssprachlich Flexibilität”.1  

Soziale Mobilität bezeichnet die Bewegung von Einzelpersonen oder Gruppen zwischen unterschiedlichen sozioökonomischen Positionen. Beispielsweise bringt die Veränderung des Berufs oder der Stellung im Berufsleben Veränderungen im sozialen Beziehungsraum mit sich, die sich im Aufstieg oder Abstieg darstellen (vertikale Mobilität).“3 Das könnte sich beispielsweise so darstellen:

  • Ein Arbeiter legt eine Meisterprüfung ab und steigt danach in eine Vorgesetztenposition auf.
  • Ein Arbeiter verliert seinen qualifizierten Arbeitsplatz und muss nun Hilfsarbeiten verrichten.

Von horizontaler Mobilität spricht man, wenn die Veränderung des Berufs ohne Veränderung im sozialen Umfeld erfolgt. Beispielsweise bei der Übernahme eines neuen Jobs in einem anderen Unternehmen bei gleicher hierarchischer Stellung und/oder nahezu ähnlich hohem Einkommens.

Die vertikale Mobilität wird auch als Karrieremobilität bezeichnet, weil sie in der linearen Denke durchaus für die Laufbahn förderlich sein kann. Beide Ausrichtungen werden über den beruflichen Werdegang im Bewerbungsprozess dargestellt.

Unter geistiger Mobilität versteht man ein ausgeprägtes rasches Denkvermögen und eine schnelle Auffassungsgabe. Hierzu zählt auch die geistige Flexibilität sich verändernde Situationen im Geiste vorzustellen, sie sich auszumalen und sie in der Folge umzusetzen. Mobilität und Veränderung beginnt im Kopf. Deshalb ist er rund, damit die Gedanken kreisen können.

Körperliche Mobilität setzt Gesundheit voraus, so dass auch körperlich belastende oder sitzende Jobs ausgeführt werden können. Wer hier Beeinträchtigungen seiner Beweglichkeit hat, erlebt häufig auch eine damit einhergehende Einschränkung seiner Lebensqualität.

Die räumliche Mobilität wird u.a. durch unsere körperliche Beweglichkeit und unsere Bedürfnisse determiniert. Wer maximal 1 Stunde für den Weg zum Arbeitsplatz für sich veranschlagt, hat, je nach Verkehrsmittel und Verkehrsaufkommen einen entsprechenden Radius in dem er seinen zukünftigen Arbeitgeber finden kann. Aus welchen Gründe auch immer ich diesen zeitlichen Rahmen gesteckt habe, spiegelt er meine Flexibilität in diesem Teilbereich wieder. Die Folge: Alle Jobs außerhalb dieser selbstgewählten Distanzzone um den Wohnort kommen nicht in Frage; ich schenke ihnen folglich keine Aufmerksamkeit. Ist das sinnvoll? Aus neutraler Sicht nein. Aus sich des Betroffenen ja, zumindest, wenn es der Arbeitsmarkt erlaubt.

Ist es Kindern nicht zuzumuten ihr gewohntes Umfeld, ihre Schule, ihre Freunde zu verlassen? Gibt es nur am jetzigen Wohnort so eine schöne, große und passende Wohnung? Ist in anderen Regionen die medizinische oder schulisch-universitäre Versorgung möglicherweise schlechter? In Deutschland können wir die Fragen alle mit Nein beantworten.

Ich frage meine Coacheés an der Stelle gerne, ob ihre Bedürfnisse alle eine gleich hohe Gewichtung haben und unumstößlich sind? Kann es nicht sinnvoll sein, vielleicht doch wegen besserer Karriere-Chancen umzuziehen oder eine Wochenendbeziehung zu führen? Eine Differenzierung in der Gewichtung erscheint sinnvoll, um situationsbezogen flexibler reagieren zu können.

Das Jobportal StepStone hat 2018 eine Studie zum Berufseinstieg veröffentlich. Gefragt wurden Studierende u.a. welche durchschnittliche Dauer für den täglichen Weg zur Arbeit sie maximal akzeptieren würden. 51% gaben an 31 – 60 Minuten wären für sie akzeptabel, 37% wollten den Arbeitsplatz in 16 – 30 Minuten erreichen und nur 8% waren bereit 61 – 90 Minuten für die Wegstrecke zu akzeptieren. Bei der regionalen Suche gaben 37% der Befragten an nur im Umkreis von max. 50 Kilometer suchen. Diese räumliche Einschränkung korreliert je nach Verkehrsmittel und Region mit dem Ein-Stunden-Radius.

Für ein zeitlich begrenztes Projekt würde ein Drittel der Befragten mehr als eine Stunde zum Arbeitsplatz fahren. 23% konnten sich vorstellen für die Dauer des Projektes über das Wochenende zu pendeln.

Die FAZ hat in ihrem Hochschulanzeiger über Studienergebnisse zur Berufsmobilität berichtet. Der Soziologe Norbert F. Schneider berichtet in diesem Beitrag über Auswirkungen der unterschiedlichen Mobilitätsformen auf das Wohlbefinden und das Familienleben.

„Mobile Lebensformen, so Schneider, sind „mehr oder weniger stabile Formen der Vereinbarung von Beruf, Mobilität, Partnerschaft und Familie, die als eine Form des Risiko- und Unsicherheitsmanagements in Zeiten von Individualisierung und Globalisierung interpretiert werden können.“ Sie sind der Versuch, persönliche Ziele mit strukturellen Zwängen in Einklang zu bringen.

Welche Formen der Mobilität gibt es? Wie wirken sie sich auf die Gesundheit, soziale Beziehungen und die Familienentwicklung aus? In einer breit angelegten empirischen Studie, die auf rund 7000 standardisierten Interviews in sechs europäischen Ländern basiert, unterscheidet Norbert F. Schneider (Mainzer Soziologe und Direktor des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung) vier Formen von Mobilität:

1. Fernpendler: Sie benötigen täglich mindestens zwei Stunden für den Weg zum Arbeitsplatz und zurück. Diese Strecken werden mindestens dreimal wöchentlich zurückgelegt.
2. Übernachter sind Personen, die innerhalb der letzten zwölf Monate mindestens 60 Nächte aus beruflichen Gründen außer Haus verbracht haben (sei es durch Wochenendpendeln über das Jahr verteilt, sei es am Stück als Saisonarbeiter, sei es auf unregelmäßigen Dienstreisen). Auch Menschen in Fernbeziehungen werden dazu gezählt, sofern es berufliche Gründe sind, aus denen die beiden weit voneinander entfernt liegenden Haushalte nicht zusammengelegt werden.
3. Umzugsmobile: Gemeint sind Personen, die aus beruflichen Gründen innerhalb der letzten drei Jahre über mindestens 50 km hinweg umgezogen sind. Dieser Umzug kann innerhalb eines Landes erfolgt sein oder über Landesgrenzen hinweg.
4. Multi-Mobile sind in mindestens zwei der genannten Formen mobil.

Berufliche Mobilität wirkt sich in vielen Fällen deutlich auf die Familienentwicklung aus. Das Kinderkriegen wird aufgeschoben und nicht selten sogar bewusst unterlassen. Insbesondere für Frauen ist Elternschaft nur schwer mit Mobilität vereinbar. Dabei sind sie nicht per se weniger mobil als Männer. Schaut man sich etwa die Statistik der mobilen Erwerbstätigen ohne Kinder an, staunt man nicht schlecht: 62 Prozent sind Frauen, nur 36 Prozent Männer. Sobald Kinder im Spiel sind, ändert sich das Verhältnis allerdings drastisch: Nur sechs Prozent der Frauen mit Partner und Kinder sind mobil. Bei den Männern wirkt sich der Familienstand längst nicht so stark aus. Auch wenn sie Frau und Kind haben, sind immerhin 23 Prozent von ihnen mobil. Das zeigt: Der Trend zur beruflich bedingten Mobilität verstärkt bei Paaren mit Kindern die traditionelle Geschlechterrollenverteilung.

Interessant ist in diesem Zusammenhang auch die Aufgabenteilung innerhalb einer Partnerschaft: Sind Männer mobil, führt dies zumeist zu ihrer weitgehenden oder völligen Befreiung von Hausarbeit. Bei mobilen Frauen hingegen etabliert sich bei 80 Prozent der Paare ein Modell, in dem beide Partner etwa zu gleichen Teilen Hausarbeit leisten. Bei Frauen führt Mobilität viel häufiger als bei Männern zum Verzicht auf Kinder. 62 Prozent der berufsmobilen Frauen sind kinderlos, aber nur 36 Prozent der mobilen Männer.“4

Bist du bereit für einen guten oder sehr guten Job 4 Stunden Fahrzeit pro Tag zu investieren? Wie sieht deine berufliche Mobilität aus?

Wundervolle Impulse für die nächsten 7 Tage.

Bleibe inspiriert.

Holger

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1https://www.duden.de/rechtschreibung/Mobilitaet

2https://www.zukunftsinstitut.de/dossier/megatrend-mobilitaet/

3https://de.wikipedia.org/wiki/Soziale_Mobilit%C3%A4t

4Quelle: Hochschulanzeiger Nr. 113, 2011, Seite 10 https://hochschulanzeiger.faz.net/magazin/themen/berufseinsteiger/von-pendlern-unterwegsarbeitern-und-entwurzelten-studie-zur-berufsmobilitaet-11132977.html#void