Altes Eisen, Jugendwahn oder Kostenoptimierung?

Altes Eisen, Jugendwahn oder Kostenoptimierung?

Felix´s Impulse 90/ 2021

Altes Eisen setzt Rost an, ist nicht mehr ohne weiteres einsetzbar, gehört auf den Schrottplatz zur Entsorgung. Gewinnmaximierung als Ziel und Wert in großen Unternehmen und internationalen Konzernen steht scheinbar deutlich vor Mitarbeiterorientierung.

Der schöne neudeutsche Begriff Human Capital – menschliches Kapital – läßt sich positiv und negativ verstehen, wie vieles. Handelt es sich hierbei um Kapital, was sich verschieben läßt wie Spielfiguren auf dem Monopoly-Brett oder ist es das wertvollste Kapital des Unternehmens? In einer zunehmend vom amerikanischen Kapitalismus geprägten deutschen Wirtschaftswelt, scheint sich die Soziale Marktwirtschaft zu verabschieden und den reinen monetären Werten das Feld zu überlassen.

Abseits idiologischer Färbungen und sozialistischem Schubladendenkens sollte sich jeder Unternehmer in Deutschland und auch die Gesellschaft fragen was er/ sie für Werte dauerhaft leben möchte. Grenzenloses Wachstum ist nicht möglich, war auch in der Vergangenheit und ist auch in der Gegenwart nur auf Kosten anderer Marktteilnehmer – den Schächeren – möglich. Fragwürdig ist für mich Unternehmertum, wenn Konzerne mehr Börsengewinne durch Anlagegeschäfte realisieren als durch die Produktion und den Verkauf von Produkten, wie bei Porsche unter Winterkorn dokumentiert1.

Rekordprofite – Porsche macht mehr Gewinn als Umsatz

Mit dem Verkauf von Autos wird Porsche allerdings nur einen Profit von 1,2 Milliarden einfahren. Rund 5,9 Milliarden Euro Gewinn dagegen dürfte die Firma nach Schätzung des Credit-Suisse-Analysten Arndt Ellinghorst allein durch die Neubewertung ihres 31-prozentigen Aktienanteils an VW erzielen. Geschäfte mit Aktienoptionen würden weitere 3,5 Milliarden Euro einbringen. Dividenden und anteilige Gewinne des VW-Konzerns brächten den Stuttgartern zusätzlich mehr als 900 Millionen Euro ein.“1

Die Automotive-Branche befindet sich in einer Transformationsphase mit hoher Eigendynamik und einem ausgesprochen kleinen Zeitfenster für den Wandel vom Verbrennungsmotor zum stromgetriebenen Motor. Zulieferer, wie Hersteller haben Überkapazitäten an Produktionsstätten und an Personal. Letzteres wird über interne Vereinbarungen und Abfindungen im Idealfall sozialverträglich in den Vorruhestand geschickt. Die Masse landet in Transfergesellschaften oder im Outplacement und darf sich unfreiwillig beruflich neu orientieren. Der Anteil der Ü50-Mitarbeiter ist dabei auffallen groß.

Die Quote dieser Gruppe dürfte seit einem Jahr in meinen Coachings bei sicherlich 50 Prozent plus x liegen. Medial wird durchaus immer wieder verkündet, dass Unternehmen Mitarbeiter mit Erfahrung suchen. Nur wiederspricht das meinen Erfahrungen. Bei Konzernen, die börsennotiert sind, drengt sich eher der Verdacht auf, dass ein Jugendwahn herrscht. Unerfahren, formbar, motiviert (bestenfalls) und preiswert – gut für die Bilanz.

Der klassische Mittelstand (KMUs bis 250 Mitarbeiter) sowie die großen Mittelständler scheinen durchaus noch das Potential erfahrener Mitarbeiter*innen zu erkennen und weiniger Berührungsängste zu haben diese einzustellen. In aller Deutlichkeit: Ich rede nicht von C-Mitarbeitern, die für schlechte Stimmung sorgen, nicht produktiv und nur körperlich anwesend sind. Diese werden ihre Gründe für diese Einstellung haben. Vielleicht passt die Chemie bei einem anderen Arbeitgeber besser. Daher ist eine Trennung aus Unternehmenssicht wichtig und richtig (siehe hierzu auch „Der faule Apfel muss weg.“).

Alter schlägt Jugend!

Unternehmer, die nachhaltig ihr Unternehmen führen und nicht aktiengetrieben sind, werden die Vorteile erfahrener Mitarbeiter*innen erkennen. Wolfgang Grupp sen. beschrieb im Interview mit mir diese Situation auf seine typische Art: „Wenn ein Mitarbeiter zu mir sagt, der 65 ist, er wolle noch ein Jahr bleiben, dann ist das für mich ein Geschenk des Himmels.“ Nicht nur für Trigema sollten Ü50 Arbeitnehmer*innen ein Benefit sein. Werden sie gegangen, geht gleichzeitig ein Füllhorn an Erfahrungen mit – oftmals für Unternehmen für immer verloren. Es sein denn es wurde frühzeitig der Nachwuchs bewusst und gezielt mit diesem Wissen gefüttert.

Tandem-Lösungen oder Patenschaften haben sich als hilfreiche Modelle zum Einarbeiten, wie zur Vorbeugung von Wissensverlusten bewiesen. Jung und Alt sorgt für gemeinsames Lernen, für einen sinnvollen Ausgleich zwischen Sturm und Drang auf der einen sowie der Ruhe und Gelassenheit auf der anderen Seite. Fehler müssen nicht mehr gemacht werden; das hat der „Alte“ bereits hinter sich und der „Junge“ kann hiervon partizipieren. Wissenstransfer – auch für „altes Wissen“ – sollte als Schatz in Unternehmen betrachtet werden und damit auch entsprechende Prozesse im Personalmanagement vorgesehen werden. Die Zeiten in denen Chefs glaubten ihre Position nur durch Wissensdeckelung sichern zu können sind vorbei.

Max Sicher bekommt mit 60 keine Chance mehr und regiert werden wie seit Jahrzehnten von Menschen, die die Industrie nicht mehr einstellen würden, weil Sie Ü50 plus sind.

In meinem Coaching hatte ich einen Kunden, nennen wir ihn Max Sicher. Er ist eine stattliche Erscheinlung, durchtrainiert, mit positiver Ausstrahlung und wirkt wie der besagte Fels in der Brandung. Er bekommt keinen Job, obwohl er noch gerne 10 Jahre arbeiten würde. Mit Baujahr 1960 gehört er zum alten Eisen, seine 40 Jahre Berufserfahrung im In- und Ausland als Sicherheitsmanager und -berater zählen in Deutschland nicht. Als Türsteher oder Sicherheitsmann im Einkaufszentrum könnte er einen Job habe, wenn er nicht a) überqualifiziert wäre und b) sich unter Wert verkäufen würde.

Kostengetriebene Unternehmen setzten auf Jugend.

Seine Expertise als Spezialist für Personenschutz und Sicherheitsmanagement hat er für international tätige deutsche Großkonzerne und die Politik, auch in Krisengebieten Afrikas, unter Beweis gestellt. Dies alles sowie seine Viersprachigkeit sind nicht mehr gefragt. Sicherheit kann ich in der Theorie erlernen, in der Praxis bekommt der Fachmann seine Weihen.

Bei den weltweit agierenden Konzernen braucht man heute nur junge IT-Experten, die Sicherheit nur digital kennen, um diese zu gewährleisten. Das reicht aus – scheinbar. Max Sicher bekommt mit 60 keine Chance mehr und regiert werden wie seit Jahrzehnten von Menschen, die die Industrie nicht mehr einstellen würden, weil Sie Ü50 plus sind. Für wen spricht das?

Wundervolle Impulse für die nächste Woche.

Bleibe inspiriert.

Holger

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1 Quelle: Spiegel Online, 26.07.2008, 11.00 Uhr https://www.spiegel.de/wirtschaft/rekordprofite-porsche-macht-mehr-gewinn-als-umsatz-a-568257.html

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